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Text zur Fotoarbeit fabrikland Im Jahr 2000/01, im Alter von 26 Jahren, bekam ich die Möglichkeit in der ehemaligen, mittlerweile abgerrissenen Tanzfabrik in Oberradlberg künstlerisch zu arbeiten. Die dort vorgefundenen, verfallenen Strukturen theatralischer Aesthetik der Popkultur der 1980er Jahre, inspirierten mich dazu, selbstinszenierte Szenen mit mir in der Hauptrolle zu fotografieren. Ich ließ mich durch das Gebäude und ihre Räumlichkeiten treiben, und mich, mit Ausnahme der Requisten, wie Perücken, make-up, Kleidung, von dort vorgefundenen Dingen inspirieren. Als Bühne für die ersten Inszenierungen wählte ich den öffentlichsten und gleichzeitig abgeschlossensten und finstersten Raum, die Hauptbühne, die ich mit Taschenlampe betrat und an dem ich erst mit der Arbeit beginnen konnte, wenn sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Ich stellte fest, daß die, durch die Dunkelheit aufkommende Angst, die optimale Basis für meine Arbeit schuf, die ich vorhatte. Über sie wurde das dahinterliegende Grauen freigelegt und damit eine Tür aufgestoßen, in das eigene Unbewußte und die reale Gefühlswelt. Anfangs erzeugte ich mittels Beleuchtungskörper bestimmte Farbeffekte, später fotografierte ich mit hochempfindlichen Filmen, ohne zusätzliche Lichtquelle, womit ich eine grobkörnige Bildaesthetik und eine spezielle Farbigkeit der Fotos erzielte. Manches, was ich veränderte, hinterließ und verwendete ich für darauffolgenden Szenen als aesthetisches Stilmittel der Serie wie z.B. die Tatortzeichnung, die in der Szene rage entstand und von da an Bestandteil des Bühnenbildes war. Anfänglich zeichnete ich Bühnenbilder und befestigte sie an der Bühnenwand. Später integrierte ich die Entstehung des Bühnenbildes in die Performance und es entstand u.a. die Fotoserie suicide. Im Herbst wählte ich für die nächsten beiden Inszenierungen Räume, die außerhalb des Hauptgebäudes lagen. Ich mochte diese Räumlichkeiten, die von der Natur bereits noch mehr eingenommen waren, als die Räume im Hauptgebäude. Überall war Laub und ein gefundenes Vogelnest war Inspiration für die nächste Szene, mit dem Titel birdegg, sowie die nebenan liegende Toilette Ausgangsort für die darauffolgende performance cat. 2001 bewegen sich die Szenen immer mehr im Freien, beziehen sich nicht mehr direkt auf den Ort Fabrik. Die Bilder zeigen Wiese, Himmel bzw. fabrik-unspezifische Orte mit geringerem Wiedererkennungseffekt. Gleichzeitig mit dem Verlassen des direkten Ortsbezuges, rückt auch der direkte Umgang mit Körperlichkeit in den Hintergrund. Die Arbeiten aus 2000 zeigen affektgeladene, dramatisch-ausagierende Szenen, die durch eine grell-poppige Farbaestetik das ohnmächtige Schreien unterstützen, während 2001 ein verspielterer, fetischistischer Umgang mit dem gleichen Thema die Arbeiten bestimmt. Der Fokus weicht von konfrontativ eingesetzter Körperlichkeit zu einer Darstellung verschiedener Fetischobjekte wie Schuhe, Perücken und Masken. Die Auseinandersetzung mit dem Schuh als sexuelle Projektionsfläche, als Symbol für Schutz und Verhaftung einerseits und Fortbewegung, Fortschritt und Autonomie andererseits, faszinierte mich und war vorrangig. Die Fotografie die schlafende Schöne ist ein Schlüsselbild der Serie und zeigt das Ende einer quälenden Reise durch die Dunkelheit, eines Kampfes um einen Platz in sich selbst und der Flucht vor der eigenen Stärke und Weiblichkeit. Das Areal der Fabrik war ein abgeschoteter Bereich, ein eigenes Land, daß ich nur zum Zwecke der Erforschung betrat und dann wieder verließ – das Fabrikland, daß ich allein und durch mich erforschte. Das geborgte Land war perfekt für mich, es war der exakte Spiegel meines Selbst, der verlassene, dem Verfall preisgegebene Lust(t)raum, verwilderte Natur und doch von einem Zaun umgeben, nicht ganz frei. Ich war im goldenen Käfig, aber in einem richtig großen, der mir soviel Freiraum gab, daß ich auf einige Paradiesvögel in mir traf, die mir den Weg durch die Dunkelheit zeigten. In meiner Arbeit in der Fabrik von Juni 2000 – August 2001 entstanden 30 analoge Fotoserien. Eines Tages, nachdem ich schon viele Fotostrecken in der Fabrik hinter mir hatte, hatte ich die Vision einen langen Faden zu spannen, vom Gebäude weg, über den Parkplatz, bis hin zum Zaun, um darauf im Wind wehende Seidenstrümpfe zu hängen und zu fotografieren. Ich habe diese Vision nicht umgesetzt, aber sie war so stark, daß die Bilder bis heute klar in meinem Kopf sind. Später fand ich heraus, daß die ursprüngliche Fabrik eine Seidenfabrik war, in der Strümpfe hergestellt wurden. Das Unsichtbare wird manifest indem wir es aufnehmen und aufzeigen. Text: Anita Frech ____________________________________________________________________ Text zur Acrylbildserie bad bag collection Bad bag collection hat ihren Ursprung in dem Film Marnie von Alfred Hitchcock und jener Szene, in der die Kleptomanin Marnie mit einer Tasche unterm Arm auf einen Zug wartet. Um ihre Maske zu bewahren muß sie die Stadt verlassen. Die Möglichkeit ihre Tasche fallen zu lassen und ein freies, selbstbestimmtes Leben zu beginnen, sieht sie nicht. Ihr einziges Ziel ist die Mutter, ihr muß sie gefallen, nur von ihr muß sie geliebt werden – um jeden Preis. Die Schuld, die sie an die Mutter kettet lässt sie nicht los, sie trägt sie fest verschlossen in ihrer Tasche. Mein neugieriger Blick fällt auf Marnie`s Tasche, denn in ihr ist die Wahrheit begraben, hier ihre wirkliche Identität versteckt. Die Taschen in bad bag collection symbolisieren freigelegte Emotionen in einem quasi-kontrollierten und sicher-begrenzten Raum. Das Innen wird nach außen gestülpt, verschwimmt mit den Grenzen oder bleibt fest verschlossen und wird lediglich wie durch Röntgenstrahlen doch sichtbar. Das Bild peepshow ist das Ende und der Anfang der Geschichte. In ihm verschmelzen die Grenzen zwischen Inhalt und Verborgenem, zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Löcher in der Tasche wirken wie Perforierungen und gewähren Einblick in die verborgene Lustwelt. Die Taschen in Bad bag collection sind Sinnbild für Wahrheit und Mittel zur Erforschung von Emotion im Körper, des innen und des außen und ihrer Verschmelzung. So wird die Tasche zum Mutterbauch, zur Begrenzung und zum Halt für das was ist, für das Innere, für Tiefe, für Geborgenheit und für verharren, verstecken und verstellen. Sie ist Begrenzung und Sicherheit, Einschränkung und Fluch. Mutter, der Staat, alles Materielle eng und schwer. Luft, Luft, Luft, … Ich will atmen… will nicht irgendwas fressen und irgendwas rauskotzen. Ich will Ich – Sein, ich will Poesie, ich will alles und vor allem die Wahrheit und JETZT! Text: Anita Frech | |